Der Aufbau des Rundfunks in Leipzig

Der Aufbau des Rundfunks in Leipzig

Funkhaus Leipzig
Funkhaus Leipzig mit einem Übertragungswagen, ca. 1946

Gekürzte Wiedergabe von Ausarbeitungen des Rundfunks der DDR, Studiotechnik Rundfunk, von 1988; die Umstände der Übernahme des Gebäudes Springerstraße 24 dürften hier in eher beschönigender Weise beschrieben sein:

» Einige Monate nach der Inbetriebnahme des ersten deutschen Rundfunksenders in Berlin erhielt auch Mitteldeutschland einen Rundfunksender. Am 1. März 1924, zu Beginn der Frühjahrsmesse, nahm in Leipzig ein kleiner Sender mit einer Leistung von zunächst nur 0,25 kW den Betrieb auf.

Das 17 Jahre bestehende MIRAG-Haus (Mitteldeutsche Rundfunk AG) in Leipzig, Am Markt 8, fiel am 4. Dezember 1943 einem Großangriff angloamerikanischer Bomber zum Opfer. In einer Schule im Südosten von Leipzig und in einem unterirdischen Verstärkeramt der Post wurden provisorische Nachrichtensprechstellen aufgebaut, in denen auch Schallplattenwiedergabe und Tonbandabspiel möglich waren. 1944 ereilte die Schule jedoch das gleiche Schicksal wie das MIRAG-Haus am Markt.

Die letzte Zuflucht der faschistischen Rundfunkpropaganda in Leipzig war ein Raum im Völkerschlachtdenkmal. Zur Aufnahme des Sendebetriebs kam es hier jedoch nicht mehr. Am 19. April 1945 besetzten amerikanische und belgische Truppen die Stadt Leipzig.

Die amerikanischen Nachrichtenoffiziere interessierten sich speziell für die Sendestelle im unterirdischen Verstärkeramt in Probstheida. Besondere Aufmerksamkeit widmeten sie den hier aufgestellten Magnetbandgeräten, da sie selbst keine Hochfrequenz-Magnetophone besaßen. Es handelte sich um AEG-Maschinen des Typs HTS mit HF-Vormagnetisierung und -Löschung. Die US-Offiziere ließen sich die Funktionsweise sehr genau erklären und beschlagnahmten die Geräte sowie alle technischen Unterlagen.

In Großbuch bei Bad Lausick hatte die Reichsrundfunkgesellschaft technische Geräte ausgelagert. Die amerikanischen Offiziere kontrollierten auch hier die ansehnlichen Bestände, fanden jedoch keine Magnettonlaufwerke. Die übrigen Geräte waren für sie ohne Interesse. Diese bereits vor dem Großangriff auf Leipzig ausgelagerten Materialbestände bildeten die Grundlage für die technische Ausstattung eines neuen Funkhauses in Leipzig.

Der Vereinbarung zwischen den alliierten Siegermächten entsprechend lösten im Juni 1945 sowjetische Truppen die amerikanischen und belgischen Einheiten im mitteldeutschen Raum ab. Ein Befehl der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland vom 11. Juni lenkte die Initiative auf den Aufbau eines demokratischen Rundfunks.

Die vordringliche Aufgabe bestand zunächst in der Versorgung der Bevölkerung der Stadt Leipzig mit wichtigen Nachrichten und Bekanntmachungen. Die Ausstrahlung über einen Sender war zunächst nicht möglich, zumal in größeren Gebieten auch noch die Stromversorgung gestört war.

Deshalb errichteten Mitarbeiter der Rundfunktechnik in enger Zusammenarbeit mit dem Fernmeldewesen der Post in Leipzig eine Großlautsprecheranlage. Gleichzeitig bemühten sie sich darum, die provisorische Sendestelle in Propstheida wieder betriebsfertig zu machen, um von hier die Lautsprecheranlage zu versorgen.

Leitende Mitarbeiter und ein sowjetischer Offizier sprachen offiziell beim Direktor der Versicherungsgesellschaft Barmenia vor, um einen Tausch mit den am Markt noch erhalten gebliebenen Räumen des alten MIRAG-Hauses zu veranlassen. Nach langem Sträuben gab der Barmenia-Vertreter schließlich nach und übergab das bisherige Versicherungsgebäude in der Springerstraße 24, ein ziegelroter Klinkerbau im späten Bauhausstil der zwanziger Jahre, an den Rundfunk.

Trotz verschiedenartiger Schwierigkeiten, die sich im neuen Haus in der Springerstraße ergaben, gingen die Bauarbeiten zügig voran. Am 22. September 1945 erfolgte die offizielle Gründung der „Außenstelle Leipzig des Berliner Rundfunks“.

Beim Sender Wiederau wurde eine Empfangsstelle errichtet, um das Moskauer und das Berliner Programm zu empfangen. Über das instandgesetzte Zubringerkabel, das in den letzten Kriegstagen durch eine Brückensprengung in Wiederau schwer beschädigt worden war, konnten die Programme zum Schaltraum in der Leipziger Springerstraße weitergeleitet werden.

Nach einer Probeübertragung am 29. August nahm am 15. September 1945 der Sender Wiederau seine Tätigkeit auf. Das Programm erhielt er zunächst noch über die provisorische Sendestelle in Probstheida direkt aus dem Berliner Funkhaus Masurenallee. Der Sendestelle kam inzwischen eine neue Aufgabe zu: Bei Ausfall der Übertragungsleitung aus dem Berliner Funkhaus mußte sie die Leitung zum Sender selbständig mit einem Ersatzprogramm (Musik von Schallplatten oder Tonbändern) versorgen.

Am 12. April 1946 erfolgte die Demontage der provisorischen Sendestelle in Probstheida. Die Anlage wurde im Schaltraum des neu entstehenden Funkhauses in der Springerstraße installiert. Auch ein Studio und ein Sprecherraum waren bereits fertig. Das Funkhaus konnte damit die Aufgaben der Sendestelle übernehmen. Bald darauf wurden auch die Leitungen von den Landessendern Weimar und Dresden, später auch von Halle, geschaltet.

Obwohl die Gründungsversammlung am 27. Oktober 1945 beschlossen hatte, daß der Sender Leipzig ein eigenes Programm ausstrahlen würde, blieb das Funkhaus Leipzig bis Mitte Mai 1946 eine Außenstelle des Berliner Rundfunks, die auch Beiträge für das Berliner Programm lieferte. Nun wurde der „Mitteldeutsche Rundfunk, Sender Leipzig“ eine programmseitig selbständige Institution und meldete sich erstmalig am 4. Juni 1946.

Das erste Hörspiel, „Michael Kohlhaas“, wurde im Dezember 1946 wie in den zwanziger Jahren live aus einem Sprecherraum gesendet. Erst 1947 war der Hörspielkomplex (Raum 3) fertig; er bestand aus einem großen Raum mit unterschiedlicher Akustik, einem schalltoten Raum und einem Hallraum. Im Bedarfsfall konnte ein weiterer Raum (Raum 4) hinzugeschaltet werden. Die technische Einrichtung war zunächst primitiv. Dennoch wurden 1947 insgesamt 14 Hörspiele gesendet.

Gegen Ende des Jahres 1945 fand sich das Rundfunk-Sinfonieorchester wieder zusammen und gab am 27. August 1946 ein erstes öffentliches Konzert. Für Proben und Aufnahmen war dringend ein Saal erforderlich, und man beschloß, einen großen Sendesaal von 3800 m³ zu bauen. Gleichzeitig sollten zwei weitere Regiekomplexe entstehen. Dies war überhaupt das erste größere Bauvorhaben in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone. Baubeginn war am 24. Juni 1946.

Aus historischem Abstand läßt sich nur schwer ermessen, was dieses Vorhaben damals bedeutete. Angesichts eines völlig zerrütteten Transportwesens mußten alle Baustoffe aus den verschiedensten Gegenden der Sowjetischen Besatzungszone zum Teil mit Hand- und Pferdewagen herangeschafft werden.

Jeder Stein und jeder Sack Zement waren „bezugsscheinpflichtig“. Der Treibstoff für die wenigen zivilen Kraftwagen reichte nicht einmal aus, um die notwendigen Lebensmitteltransporte für die Bauleute und Rundfunkmitarbeiter zu sichern. Und doch wurde gebaut. Selbst das Holz für die akustisch so wichtige Täfelung und der Parkettfußboden wurden beschafft.

Auch die Arbeitskräfte waren knapp, so daß alle Mitarbeiter selbst Hand anlegten. In unzähligen freiwilligen Aufbaustunden leisteten sie Schachtarbeiten, putzten Trümmerziegel und rührten Mörtel an. Der Ingenieur stand neben dem Hilfsarbeiter, der Direktor neben der Putzfrau.

Am 2. September 1947, dem Eröffnungstag der Leipziger Herbstmesse, konnte der Sendesaal übergeben werden. Der zu diesem Saal gehörende Regieraum befand sich im zweiten Stockwerk des Altbaus und war mit dem Saal durch eine Treppe verbunden. Die Technik bestand zunächst provisorisch aus Verstärkern V 35.

Ab Dezember 1946 sendete der Mitteldeutsche Rundfunk gemeinsam mit seinen Landessendern täglich vier bis sechs Stunden Eigenprogramm. Das Programm gliederte sich in Wirtschaftsreportagen, Kommentierung der Beschlüsse des FDGB, Nachrichten, Kammermusik, Kinderfunk, Volksmusik und Hörspiele. Kinderfunk und Hörspiele wurden sämtlich live gesendet.

Am 17. Februar 1947 erhielt Leipzig ein neues Pausenzeichen. Die erste ganztägige Außenübertragung fand am 31. Juli 1947 aus Bad Elster statt.

Die tägliche Sendezeit nahm inzwischen rasch zu; ab 29. Oktober 1948 wurden täglich 17 Programmstunden gesendet. Im Leipziger Funkhaus waren zu dieser Zeit 645 Mitarbeiter tätig. Der Sendealltag begann um 4.58 Uhr mit einem Morgenlied und endete um 24.00 Uhr. Die einzige Sendepause lag zwischen 10.00 und 11.55 Uhr.

Täglich, außer dienstags, waren die Landessender mit Programmbeiträgen vertreten. Auch das Studio Chemnitz, das zum Sender Leipzig gehörte, beteiligte sich einmal wöchentlich mit Früh- oder Nachmittagskonzerten an der Programmgestaltung. Neue Sendungen kamen hinzu. Der Leipziger Thomanerchor sang im Speiseraum des Funkhauses, der damals im dritten Stockwerk lag; auch die Leipziger „Kinderstunde“ wurde von hier live gesendet.

Erste Rekonstruktionsmaßnahmen sahen vor, die Provisorien im Funkhaus durch feste Einbauten zu ersetzen. Die Inbetriebnahme des Sendekomplexes 2 im Dezember 1948 gestattete es, den täglichen Sendebetrieb in diese Räume zu verlegen. Im Funkhaus Leipzig standen damit vier Sendekomplexe, ein weiterer Sendekomplex für Kammermusik, ein Hörspielkomplex und die Saalregie zur Verfügung.

Im Jahre 1949 kamen die ersten nach dem Kriege entwickelten und gebauten Magnettonlaufwerke R 28 mit Kulissenschaltung und dazugehörigen Verstärkern V 47 zum Einsatz. Im Verlauf der weiteren Rekonstruktion konnten bis 1952 alle alten Magnettongeräte (HTS, K 7, „Berta“) ersetzt werden.

Durch die Einführung der R 28a mit Drucktastenbedienung ergab sich erstmals die Möglichkeit eines Fernstarts für das Bandabspiel. Die ersten Versuche erfolgten im Sendekomplex 2, im Juli 1952 im Regieraum 4. Der Fernstart brachte wesentliche Vorteile im Sendeablauf und bei der Produktion. «

 
 
Funkhaus Leipzig
Funkhaus Leipzig 1946, Teilansicht des ersten Regieraums
 
Funkhaus Leipzig
Funkhaus Leipzig 1949, Regieraum 2
 
Sendestart des MDR
Ausschnitt „Sächsische Volkszeitung“ vom 6. Dezember 1945