Stunde Null in Berlin

Stunde Null in Berlin

Ü 1
Im Hintergrund der Übertragungswagen Ü 1, aus dem am 13. Mai 1945 die erste Nachkriegssendung gefahren wurde

Nachfolgend weitgehend im Original wiedergegeben ist ein Ausschnitt aus einer anonymen Ausarbeitung der Studiotechnik Rundfunk im Funkhaus Nalepastraße aus dem Jahre 1988. Ohne Kennzeichnung herausgekürzt sind einige politische Floskeln, ohne die zum Zeitpunkt der Erarbeitung auch eine solche interne Unterlage nicht auskam.

» Ende April 1945 vollzog sich unter dem Generalangriff der sowjetischen Truppen auf Berlin der vollständige Zusammenbruch des Hitlerfaschismus. In den letzten Apriltagen war der sogenannte Reichssender Berlin verstummt.

Am 2. Mai hatten die Einheiten der Sowjetarmee das Funkhaus in Berlin-Charlottenburg, Masurenallee, erreicht. Im Haus und seinen Kellern hatten sich Hunderte von Flüchtlingen einquartiert. Da sich unter ihnen auch viele demoralisierte Ausländer befanden, die für den Auslandsdienst des Nazi-Rundfunks gearbeitet hatten, herrschten chaotische Zustände.

Die letzte SS-Bewachung hatte vor ihrer überstürzten Flucht noch sinnlos-wütend gehaust. Wichtige technische Anlagenteile waren demontiert und auf dem Dachboden sowie in den Schächten der Klimaanlage versteckt oder gänzlich zerstört worden. Fast alle Übertragungswagen hatten die SS-Banditen als willkommene Transportmittel für ihre Flucht benutzt.

Der Hochbunker, ein Betonbau auf dem Gelände des Funkhauses, aus dessen Studioräumen während der Kriegsjahre bei Fliegeralarm und ab 1944 alle Sendungen gefahren worden waren, diente zwanzig Mitarbeitern der damaligen Reichsrundfunk-Gesellschaft als Zuflucht. Hierunter befanden sich auch einige Techniker, die von sowjetischen Offizieren den Auftrag erhielten, unverzüglich die technischen Voraussetzungen zur Wiederinbetriebnahme der Sendestudios zu schaffen.

Es war der 6. Mai. Noch lagerte Brandgeruch über Berlin. Vereinzelt versuchten SS-Banden oder der „Werwolf“ aus dem Hinterhalt zu schießen. Das Funkhaus wies äußerlich nur wenige Beschädigungen durch Bombentreffer und Granateneinschläge auf. Die erste Überprüfung ergab jedoch, daß keinerlei funktionsfähige Kabelverbindungen zum Sender bestanden. Alle Telefon- und sonstigen Leitungen waren zerstört.

Das Kabel zum Sender in Tegel war an zahlreichen Stellen zerrissen. Seine Wiederherstellung stieß auf enorme Schwierigkeiten. Der Sender selbst war durch die Kampfhandlungen nur leicht beschädigt worden. Die Wiederaufnahme des Sendebetriebs bedeutete jedoch insgesamt eine äußerst schwierige Aufgabe.

Da keine Aussicht bestand, die Kabelverbindung zwischen dem Funkhaus und dem Sender in absehbarer Zeit wieder instand zu setzen – die Schloßbrücke in Charlottenburg war gesprengt und das darüber führende Kabel infolgedessen mehrfach zerrissen – mußte ein Übertragungswagen einsatzbereit gemacht werden. Der Ü-Wagen war ein ausrangiertes Fahrzeug, das als erste Aufbauleistung von einer Gruppe Techniker zum Einsatz hergerichtet wurde.

In Tegel selbst hatten sowjetische und deutsche Techniker den Sender so weit repariert und eine Notsprechstelle eingerichtet, daß der Sendebetrieb stundenweise möglich war. Aus dem Ü-Wagen wurde die erste Sendung direkt am Sender gefahren. Erst einige Tage später begannen Pioniere der Sowjetarmee mit der Verlegung eines Feldtelefonkabels zwischen Funkhaus und Sender.

Im Funkhaus wurden unterdessen die Aufräumungsarbeiten aufgenommen. Die Techniker richteten mit Hilfe der im Bunker stationierten Geräte das Studio „Sprecher 1“ wieder betriebsfähig her. Dieser Raum lag in der Schallaufnahme des Funkhauses und umfaßte Regie- und Sprecherraum, die beide eine Grundfläche von nicht mehr als 12 m² hatten. In bescheidenem Umfang konnte begonnen werden, wichtige Programmteile, insbesondere Kommentare usw., zu produzieren.

Am 13. Mai startete der Übertragungswagen nach Tegel zu einer langen Fahrt, da alle Brücken über Spree und Schiffahrtskanal gesprengt waren. Der Ü-Wagen-Techniker, der die erste Sendung abends um 20.00 Uhr in Tegel technisch leitete, war Bruno Dörge, ein Mitarbeiter, der noch lange Jahre in den Funkhäusern Berlin und Potsdam tätig war. Die erste Sendung, die etwa eine Stunde dauerte, war der Befreiung des deutschen Volkes vom Faschismus gewidmet.

Eine Postenkette von Soldaten der Sowjetarmee sorgte für Ruhe rings um den sogenannten Sprecherraum, dessen Fenster keine Scheiben besaß und dessen Türfüllung mit Pappe vernagelt war. Die ersten Manuskripte, Schallplatten und Bänder für die Sendung wurden zu Fuß und per Fahrrad über Trümmerberge hinweg von der Masurenallee nach Tegel transportiert. Mit dem Kahn wurden die Wasserwege überquert.

Sofort nach Inbetriebnahme einer behelfsmäßigen Tonsignalleitung wurde die Sendezeit zügig ausgedehnt. Innerhalb von sieben Tagen wurde das Programm von anfangs einer Stunde auf neunzehn Stunden täglich erweitert. Ab dem 20. Mai 1945 sendete der Berliner Rundfunk von morgens 6.00 Uhr bis nachts um 1.00 Uhr.

Am 18. Mai wurde aus dem provisorisch hergerichteten großen Sendesaal des Funkhauses in der Masurenallee ein öffentliches Konzert unter der musikalischen Leitung von Leopold Ludwig übertragen. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, und viele Besucher konnten keinen Einlaß mehr finden. Dieses festliche Konzert wirkte auf Besucher, Mitwirkende und Techniker nach den vielem Bombennächten und Kriegserlebnissen wie eine Erlösung aus einem Bann des Schreckens.

In jenen Tagen verkehrten weder S-Bahn, Omnibus, U-Bahn noch Straßenbahn. So waren viele Mitarbeiter auf längere Unterkunft im Funkhaus angewiesen, auf eine freiwillige Art von Kasernierung. Die Verpflegung erfolgte unter Mithilfe des sowjetischen Kommandanten durch den Kantinenwirt. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn Prämien für hervorragende Arbeitsleistungen damals in Form höchst begehrenswerter Naturalien an die Mitarbeiter vergeben wurden. General Bersarin hatte eigens dazu ein großes Lebensmittellager aus der Deutschlandhalle in das Funkhaus transportieren lassen.

Technische Unterbrechungen der Sendungen waren damals keine Seltenheit. Das Tonsignalkabel, eilig über Trümmer und Ruinen verlegt, scheuerte sich durch oder wurde von einstürzenden Ruinen beschädigt. Mehrfach gelangten Sendungen gar nicht bis zum Sender. Immer waren es die sowjetischen Pioniere, die diese Störungen unverzüglich beseitigten. Sie waren eigens hierfür als Entstörungstrupp im Funkhaus stationiert.

Bereits in der zweiten Maihälfte 1945 begann eine systematische personelle Erweiterung. Viele gutwillige, loyale ehemalige Mitarbeiter der Reichsrundfunk-Gesellschaft fanden sich wieder im Funkhaus ein und boten sich zur Mitarbeit an. Aber auch karrieristische Elemente und politisch Belastete, die sich tarnen wollten, versuchten, hier einen Unterschlupf zu finden. Es war eine äußerst komplizierte und sehr verantwortungsvolle Aufgabe, in dieser Zeit politisch und fachlich geeignete Mitarbeiter für die Aufbauarbeit zu gewinnen.

Nach der Wiederaufnahme des Sendebetriebes war es notwendig, Reportagen auch außerhalb des Funkhauses durchzuführen. Die geringe Zahl der einsatzfähigen Übertragungswagen reichte hierzu kaum aus. Intakt waren zudem lediglich Übertragungsverstärker des Typs V 35, eine Geräteart, die zehn Jahre vorher entwickelt worden war. Die Reichsrundfunk-Gesellschaft hatte einen Teil dieser Verstärker im Keller der Deutschlandhalle gelagert. Zerstörung und Diebstahl hatten diese Bestände jedoch zusammenschrumpfen lassen.

Dieser schmale Gerätepark wurde durch Tornistergeräte V 39 der Wehrmacht und selbstgebaute Mikrofonmischverstärker ergänzt. Als Magnettongerät wurde die für militärische Propagandazwecke entwickelte „Dora“-Maschine verwendet. Ferner befanden sich im Lager der Ü-Technik noch einige Laufwerke vom Typ „Berta“ und Typ „Cäsar“ aus Wehrmachtsbeständen.

Auch in einem Kali-Bergwerk lagerte eine Anzahl von Geräten aus dem Besitz der Reichsrundfunk-Gesellschaft. Nach mühevoller Suche wurden sie abgeholt und für den Aufbau der Studios und Ü-Wagen verwendet. Teile hiervon und aus anderen Anlagen des Funkhauses mußten jedoch auch als Reparationsleistung abgeliefert werden (HTS mit V 5 und V 7).

In großer Eile betrieb man den Ü-Wagen-Bau, für den die Sowjetarmee die Fahrzeuge bereitgestellt hatte. Reporter waren schon im Sommer 1945 im Stadtgebiet von Berlin unterwegs, um von den ersten Versammlungen der inzwischen zugelassenen demokratischen Parteien zu berichten oder Eindrücke von der Kartoffelversorgung, der Inbetriebnahme der Osthafenmühle und schließlich von der Potsdamer Konferenz zu vermitteln.

Von besonderem Interesse ist noch heute das Prinzipschaltbild des Übertragungswagens Nr. 1, der von 1945 bis 1952 in Betrieb war. Der Aufbaukasten mit den technischen Geräten des Ü 1 wurde später abgewrackt; das Fahrzeug selbst war noch Ende der 60er Jahre als Abschleppwagen der Kfz-Werkstatt Berlin im Einsatz.

Mikrofone waren zu dieser Zeit besonders kostbar. Jeden Abend nach Aufnahmeschluß wurden sie in einem Stahlschrank im Schaltraum eingeschlossen. Hauptsächlich wurde mit Kondensatormikrofonen M 1/1, den sogenannten „Neumann-Flaschen“, gearbeitet. Außerdem wurden einige „scharfe Kapseln“ und Kapseln mit Nieren-Charakteristik des Typs M 7 verwendet.

Den Batteriekoffer B 5 mußte ein Mitarbeiter neben dem Reporter hertragen. Bei der schlechten Ernährungslage bedeutete das Schwerarbeit. Dynamische Mikrofone M 19 gab es nur in geringer Stückzahl. Die Kabeltrommeln waren in rechteckigen Kästen eingebaut, an deren Seite sich eine Kurbel zum Aufhaspeln befand. Das Kabel selbst besaß meist keine Abschirmung und die Einstreuungen bereiteten viel Ärger.

Am 5. Juni 1945 kamen die westlichen Alliierten nach Berlin. Die Vier-Sektoren-Stadt entstand. Mit einem Schlage wurde die Arbeitssituation äußerst kompliziert. Das Funkhaus lag im (westlichen) britischen Sektor, der Sender Tegel im (nördlichen) französischen Sektor und das Verstärkeramt Winterfeldtstraße im (südlichen) amerikanischen Sektor der Stadt.

Ein Schwerpunkt der Arbeit bestand darin, die technischen Voraussetzungen für die Nachrichtenerfassung zu verbessern. In der ersten Zeit hörte der Abhördienst die Sendungen von Moskau, London, Paris usw. und leitete hieraus die politischen Informationen ab. Erst mit Hilfe eines Kurierdienstes zum Magistrat von Groß-Berlin in der Parochialstraße – zunächst zu Fuß oder per Fahrrad – war es allmählich möglich, auch lokale Nachrichten aufzunehmen.

Durch die sich entwickelnde Reporter-Tätigkeit und nach Instandsetzung einiger Telefonleitungen zu den größeren Städten konnte die aktuell-politische Berichterstattung weiter verbessert werden. Es war ein wesentlicher Fortschritt, als es gelang, aus alten Beständen der Nachrichtenagenturen einen Hellschreiber in Betrieb zu nehmen.

Dem Monatsbericht vom Oktober 1945 des Technischen Direktors ist zu entnehmen, daß zur Verbesserung der Situation bei den Reportageverstärkern von der Betriebsüberwachung ein kleiner Batterieverstärker entwickelt und als Muster gebaut worden war. Die Materialien, so wird bescheiden vermerkt, würden noch für zwei weitere Verstärker ausreichen. «

 
 
Ü 1
Blockschaltbild des Übertragungswagens Ü 1 (1945-1952)
 
Matheus Klein
Matheus Klein, Sprecher der Sendung vom 13. Mai 1945, im Jahre 1965
 
Ü-Wagen 1945
Provisorischer Übertragungswagen 1945, beachte das sowjetische Kfz-Kennzeichen
 
Ü-Wagen 1945
Provisorischer Übertragungswagen 1945, hier mit Rundfunktechnik im Anhänger
 
Außenübertragung 1945
Außenübertragung der unmittelbaren Nachkriegszeit mit Mischverstärker V 39 und Wehrmachts-Bandmaschine Dora
 
Michael Wolff
Funkhaus Masurenallee, vermutl. erstes wieder hergerichtetes Studio „Sprecher 1“; Kommentator Michael Wolff
 
Schaltraum Masurenallee
Funkhaus Masurenallee, Schaltraum in den Nachkriegsjahren
 
K-Raum Masurenallee
Funkhaus Masurenallee, Sendekontrollraum in den Nachkriegsjahren