Harlingen 1602 kHz wohl abgeschaltet

Nach Meldungen aus den Niederlanden sollte die Lizenz für die Mittelwelle 1602 kHz in Harlingen zurückgegeben werden. Soweit das aus größerer Entfernung beobachtet werden kann, scheint die Frequenz mit dem Beginn des Novembers nun auch tatsächlich abgeschaltet worden zu sein.

MS Jenni Baynton

MS Jenni Baynton, Zustand 2011 vor dem Aufbau weiterer Antennen | ©Vincent Schriel, CC

In den unter anderem hier wiedergegebenen Meldungen wird als Grund für den nunmehrigen Verzicht die zwangsweise Verknüpfung der Mittelwellenlizenz mit einem DAB-Sendeplatz genannt.

Die damit beendeten Ausstrahlungen gehen auf das Jahr 2003 zurück. Seinerzeit entstand das Sendeprojekt Radio Seagull, das den Namen eines Seesenders von 1973/1974 wieder aufgriff.

Zu hören war Radio Seagull zunächst aus Lettland, wo seinerzeit noch ein leistungsfähiger Kurzwellensender zur Verfügung stand. Von den dortigen Sendeaktivitäten ist inzwischen nur noch die Kleinmittelwelle 1485 kHz verblieben.

Parallel bemühte sich Radio Seagull in den Niederlanden erfolgreich um die Mittelwelle 1602 kHz. Die Lizenz kostete, obwohl sie gegen Höchstgebot versteigert wurde, schon damals nur 800 Euro. Damit beendete Radio Seagull die Kurzwellensendungen nach wenigen Monaten wieder.

Eine Inbetriebnahme der Frequenz in Harlingen scheiterte zunächst an einem Einspruch aus Großbritannien, das auf der Beibehaltung des ursprünglich vorgesehenen Standorts Leeuwarden beharren wollte. Dort fand sich erst nach einiger Zeit ein brauchbarer Aufbauort in Stiens-Feinsum.

Von hier aus begannen 2005 die Ausstrahlungen. Dabei kam jeweils von 19.00 bis 7.00 Uhr das eigentliche Seagull-Programm. Tagsüber, wenn auch theoretisch keine Möglichkeit für einen überregionalen Empfang bestand, lief ein besonders auf Touristen vor Ort zielendes Format als Radio Waddenzee.

Ende 2006 gab es dann doch die Genehmigung für den gewünschten Standortwechsel. Die vorhandene Sendeanlage wurde 2007 nach Pietersbierum bei Harlingen umgesetzt.

Pietersbierum 1602 kHz

T-Antenne für die Mittelwelle 1602 kHz in Pietersbierum | © Peter Vrakking

Schließlich konnte auch noch dem Seesendergedanken Rechnung getragen werden: Das einstige englische Feuerschiff LV 8 wurde als Radioschiff eingerichtet und erhielt, nach einer im Jahre 2000 verstorbenen Seesendermitarbeiterin, den neuen Namen Jenni Baynton.

Außerhalb von Sonderaktionen, wie zuletzt im August/September, liegt das Schiff an einem reservierten Platz in Harlingen. Dann ist es auch in diesem Livebild zu sehen.

Stets vom Schiff aus betrieben wird die für 25 Watt lizenzierte Kleinstfrequenz 747 kHz. Wie sich der Betrieb der jetzt abgeschalteten, mit 1 kW nutzbaren 1602 kHz zwischen dem Schiff und dem Sender in Pietersbierum aufteilte, bleibt unklar.

2015 wurde das Waddenzee-Format eingestellt. An dessen Stelle trat KBC Radio, das bis 2011 auf 1395 kHz gesendet hatte. Bestrebungen, den hier genutzten, im Betrieb zu teuren Sender auf dem Deich zwischen Ijssel- und Markermeer durch eine Abstrahlung der Frequenz vom Schiff zu ersetzen, verliefen im Sande.

2016 reduzierte KBC die Ausstrahlungen auf Kurzwelle, die 2011 massiv ausgebaut wurden, auf ein Minimum. Verblieben sind pro Woche für Europa eine Stunde aus Bulgarien (sonnabends jetzt ab 14.00 Uhr auf 9400 kHz) und für Nordamerika zwei Stunden aus Nauen (in der Nacht zu Sonntag ab 1.00 Uhr auf 5965 kHz).

Im vergangenen Sommer verschwanden die KBC-Sendungen nun wohl endgültig von der Mittelwelle.

Den Sendeplatz übernahm Cyber Gold, ein neues Programm aus Großbritannien. Angekündigt wurde sein Start mit bemerkenswert offenen, inzwischen wieder gelöschten Worten:

„Unser Marketing hat ein erhebliches Potential an vermögenden Hörern identifiziert, die sich gern an die Seesender der 60er Jahre erinnern und die Musik aus dieser Zeit lieben. Wir gehen davon aus, den größten Teil der Werbeplätze über den Sommer verkaufen zu können.“

Im Forum von Digitalspy.com findet sich dazu ein lakonischer Kommentar über Cyber Radio und seine Finanziers:

„Im Prinzip sind das Anoraks, die russisches Geld dafür nutzen, Radio zu spielen.“

„Anoraks“ ist eine gängige Bezeichnung für die Enthusiasten der einstigen Seepiraten. Die Emotionen dieser Zielgruppe besonders ansprechen sollte der auch in diesem Mitschnitt zu hörende Jingle, den ein Beobachter auf Digitalspy so kommentierte: Beim ersten Mal habe er noch gegrinst, beim zehnten Mal sei es dann aber nur noch peinlich gewesen.

Der Wortlaut dieses Jingles war bei schlechtem Empfang auf Mittelwelle nicht unbedingt bis ins letzte Detail zu verstehen: „Direkt vom Motorschiff Love and Peace, aus den internationalen Gewässern vor Fantasy Island“.

Hier zeigten sich die Gefahren, die ein solches Spiel mit Emotionen in Zeiten erodierenden Vertrauens in die Medien in sich birgt: Wie den Äußerungen verschiedener Hörer zu entnehmen war, glaubten sie tatsächlich, der Sender strahle von einem Schiff auf hoher See.

Dem war natürlich nicht so. Das Radioschiff blieb meist an seinem Ankerplatz im Hafen, und zumindest während der jüngsten Ausfahrt wurde, soweit diese Erläuterungen akustisch zu verstehen sind, die Frequenz 1602 kHz auch nicht von dort, sondern aus Pietersbierum abgestrahlt.