MW Band

Viele von uns kennen die Mittelwelle nur als den Rundfunkbereich von 525 bis 1605 kHz. Der Bereich unterhalb davon war lange Zeit die Domäne des Seefunks und der Navigationsbaken für Flugzeuge und Schiffe. Seitdem der Seefunk vor einigen Jahren vom Tastfunk auf modernere Funkverfahren umgestiegen ist und auch Flugzeuge zunehmend Satelliten zur Navigation nutzen, sind weite Bereiche des unteren Mittelwellenbereiches ungenutzt. Auf der letzten Weltfunkverwaltungskonferenz in Genf wurde dem Amateurfunkdienst der kleiner Mittelwellenbereich von 472 bis 479 kHz zugeteilt.

Was ist erreichbar?

Was ist nun mit dieser winzigen Strahlungsleistung erreichbar? Einige von uns waren schon vor Jahren neugierig darauf, Erfahrungen auf der Mittelwelle zu sammeln und baten unsere Genehmigungsbehörden um die Freigabe einzelner Frequenzen. Einige Verwaltungen, so z. B. Großbritannien oder die Niederlande gaben kleine Frequenzbereiche um 502 kHz für den Amateurfunkdienst frei, in anderen Ländern wie USA, Kanada oder in Deutschland wurden sogenannte Versuchsfunkgenehmigungen zu Ausbreitungsversuchen erteilt. Walter, DJ2LF in Erlangen erhielt 2005 von der Bundesnetzagentur die erste deutsche Versuchsfunkgenehmigung für Mittelwelle mit dem Rufzeichen DI2AG, meine eigene Genehmigung für 440,0 und 505,1 kHz mit dem Rufzeichen DI2BO sowie einige weitere DI-Lizenzen folgten wenig später. 

Mit relativ einfachen Antennen, z. B. einer 17m hohen Vertikalantenne und 100 Watt Ausgangsleistung gelingen CW-Verbindungen über einige 100 km sogar tagsüber, nachts sind auch 1000 km oder mehr möglich, besonders im Winter. Einige der handelsüblichen Amateurfunktransceiver haben bereits recht gute Empfangseigenschaften bei 500 kHz, andere Empfänger sind durch die starken Signale im benachbarten Rundfunkband überfordert und brauchen eine Vorselektion, wieder andere benötigen eine selektive Vorverstärkung. Auch Konverter sind beliebt.  

CW, QRSS, WSPR und Co.

Für normale Telegrafie ist ein gutes Gehör Voraussetzung, da die Signale nie sonderlich stark sind. Computerunterstuetzte Sendeverfahren wie extrem langsame Telegrafie (QRSS), WSPR oder OPERA erlauben auch dann noch Empfang, wenn das Signal bereits weit im Rauschen verschwunden ist. Damit sind bei guten Bedingungen auch Transatlantik-Verbindungen oder QSOs um den halben Erdball herum möglich. Das bewiesen Steve McDonald, VE7SL, in British Columbia / Kanada und Roger Crofts, VK4YB, in Queensland / Australien – den beiden gelang eine Verbindung in JT9 über 7000 Meilen, das sind etwa 11250 Kilometer. Das QSO fand am 15. September 2016 zwischen 1225 und 1319 UTC statt, und zwar auf der Frequenz 475,300 kHz.

Wer sich für die digitalen Betriebsarten interessiert, findet ausführliche Informationen im Internet (z. B. [1] bis [4). Hier gibt es auch Interessengruppen, die sich speziell mit Lang- und Mittelwellenamateurfunk befassen (z. B. [5] und [6]).

Mittelwelle für Experimentierfreudige – und Nostalgiker

Genau wie die Langwelle ist auch der Mittelwellenbereich vor allem eine Domäne des Experimentierens und des Selbstbaus. Neuerdings gibt es einen kompletten Senderbausatz aus Finnland zu kaufen ([7]) aber ansonsten bleibt anzuwarten, ob die Nachfrage nach Mittelwellengeräten für die Amateurfunkindustrie attraktiv genug ist, um fertige Geräte auf dem Markt zu bringen. Einige KW-Amateurfunktransceiver liefern auch auf 500 kHz noch ein wenige Milliwatt starkes Signal, so daß lediglich der Bau einer Endstufe erforderlich ist, ansonsten gibt es auch einfache Bauanleitungen für Transverter. Besonders Funkamateure an unseren Küsten sollten auf Flohmärkten Ausschau halten nach ausgedienten Seefunksendern. Jedes Handels- und Passagierschiff war vor einigen Jahren noch mit mindestens zwei dieser robusten 500 kHz-CW-Sendern ausgerüstet, von denen heute vielleicht viele irgendwo darauf warten, wieder in Betrieb gesetzt zu werden. 

Das neue Mittelwellenband wird sicher kein Band für Funkamateure, die dem Selbstbau nichts abgewinnen können. Für diejenigen unter uns, die Spaß am Experimentieren haben oder mit nostalgischen Gefühlen ein altes Seefunkgerät wieder zum Leben erwecken wollen, ist das Band wunderbar geeignet. Ein Erfolgserlebnis ist hier eher wahrscheinlich als auf Langwelle, da auch mit relativ wenig Platzbedarf Antennen möglich sind, die normale CW-Verbindungen innerhalb Europas erlauben.