Lechs Kosmos

Harald Lesch erklärt Komplexes einfach in seiner Sendung „Leschs Kosmos“ – am 7. Februar wurde die 100. Folge ausgestrahlt.
Professor Harald Lesch, der Physiker fürs Volk, moderiert heute die 100. Folge „Leschs Kosmos“

Er ist der Wissenschaftler, dem die Zuschauer vertrauen: Harald Lesch ist der wohl prominenteste Astrophysiker im deutschen Fernsehen.Der 56-jährige ist auch Naturphilosoph und Wissenschaftsjournalist. Er moderiert seit acht Jahren „Leschs Kosmos“. Verständlich und humorvoll erklärt er wissenschaftliche Phänomene so, dass sie jedes Kind versteht. Er ist Professor für Physik an der LMU. Zudem hat er gerade ein neues Buch veröffentlicht: In „Die Menschheit schafft sich ab“ zeigt er die dramatischen Folgen des menschlichen Wirkens auf den Planeten. Die AZ hat ihn im Deutschen Museum getroffen.
AZ: Herr Lesch, in der 100. Folge von „Leschs Kosmos“ geht es um die Gefahren von Zucker und die daraus resultierenden Volkskrankheiten. Ist das der Auftakt zu einer „So-zerstört-sich-die-Menschheit-selbst“-Reihe?
HARALD LESCH: Ich glaube nicht, dass die Leute sich selber zerstören wollen. Sie reagieren auf die ganz natürlichen Vorgänge in ihnen, die sich scheinbar positiv abspielen: „Es geht mir gut damit, ich will das haben“ – und die Ernährungsindustrie nutzt das aus. In der Sendung zeigen wir Manipulationen auf, um uns den Zucker schmackhaft zu machen. Aber auch Entwicklungen oder Mythen, wie diese Smoothies mit ihrem riesigen Fruchtzuckergehalt: Die Leute gießen sich das rein, weil sie keine Zeit haben, mal einen Apfel oder eine Banane zu essen. Dabei ist das ja praktisch Astronautennahrung. Das ist natürlich völlig ungesund, und unsere Organe sind darauf überhaupt nicht eingestellt. Das führt dann häufig zur Krankheit. Die Sendung ist aber kein Auftakt zu einer „Die Menschheit zerstört sich“-Serie.
Um die Zerstörung der Menschheit – und der Welt, auf der sie lebt – geht es dafür in „Die Menschheit schafft sich ab“: Rohstoffausbeutung, Bevölkerungsexplosion, Klimaerwärmung. Wie würden Sie einem Kind erklären, dass die Welt nicht mehr zu retten ist?
Das würde ich ihm natürlich nicht erklären. Ich würde sagen: „Wir warten auf dich! Du bist ein Tropfen Hoffnung. So wie die Welt jetzt ist, sollte sie nicht bleiben. Und wir müssen gucken, dass wir es ein bisschen besser machen.“ Ich würde ihm erklären, dass wir Gäste des Lebens sind und dass jeder Gast sich bemühen sollte, die Zimmer, die er benutzt hat, sauberer zurückzulassen, als er sie vorgefunden hat. Und ich würde ihm natürlich erklären, was man da machen kann.
Nämlich?
Dass man einen großen Gewinn daran haben kann, mit Menschen zusammen zu sein, und nicht irgendwelche Dinge haben muss. Dass Menschsein so viel mehr ist als einfach nur erfolgreich sein zu müssen, stark sein zu müssen. Und dass es bedeutet, dass man viele Dinge tun kann, die sonst niemand auf unserem Planeten tun kann – auch Scheiße bauen. Das Buch handelt nämlich auch davon, dass wir Fehler, die wir erkannt haben, noch maßloser machen als vorher.

Um sein eigenes Überleben ist der Mensch ja sehr besorgt – andererseits zerstört er die Umwelt, die ihm dieses Überleben erst ermöglicht. Warum?
Weil er nicht über seinen eigenen Horizont hinaus blickt. Ich habe Führerschein gemacht im Jahr 1978, da gab es Autos, die hatten 45 PS. Gehen Sie heute mal irgendwo hin und versuchen Sie, ein Auto zu kaufen, das noch 45 PS hat – die lachen Sie aus. „Wollen Sie stehen oder fahren?“, heißt es dann. Als ich nach München kam, habe ich gedacht, hier gibt es wahnsinnig viele Förster, weil ich nicht verstehen konnte, weshalb alle diese riesigen allradgetriebenen Schlitten fahren. Es ist sehr viel Egomanismus drin. Wenn wir nach wie vor immer stärker auf diese Kombination gehen: Me, myself and I, wenn das alles ist – dann war’s das.
Die Problematiken, die Sie im Buch beschreiben, sind nicht neu. Es gab die Umweltstudie „Global 2000“ von 1977, „Die Grenzen des Wachstums“ 1972. Im ersten Moment waren viele geschockt, doch es wurde wenig gegengesteuert.
Es wurde schon gegengesteuert. Zugleich wurde bei der Zerstörung aber noch viel schneller gearbeitet. Wir kommen mit der Reparatur gar nicht so schnell nach, wie zerstört wird. Wir sind auf einem guten Weg, gerade Europa könnte fast beispielhaft sein: der Ausbau von erneuerbaren Energien etwa. Noch vor einigen Jahren sagten manche: Nie im Leben! 30 Prozent durch Wind, wie soll das funktionieren? Heute ist es überhaupt kein Problem. Nur: Auf der anderen Seite haben sich die Investitionen zum Beispiel in Kohlekraftwerke weltweit nicht reduziert. Die Chinesen sind gerade dabei, runter zufahren, weil sie genau sehen, ihre lokalen Umweltschäden sind so dramatisch, dass die Bevölkerung und die Lokalpolitiker richtig Druck kriegen. Und offenbar braucht man diesen Leidensdruck, um diesen ökologischen Weg stärker zu gehen. Wenn wir nicht endlich aufhören, diese fossilen Brennstoffe freizusetzen, dann erhitzen wir den Planeten in einem Ausmaß, dass wir diejenigen sein werden, die am meisten davon betroffen sind.

Wir in Europa werden den Klimawandel am meisten spüren?
Wir werden das Zentrum all derjenigen sein, denen das Wasser bis zum Hals steht oder bei denen nichts mehr zu retten ist. Die werden nach Europa kommen. Bei uns gibt es fruchtbare Böden, eine tolle Infrastruktur, wenig Naturkatastrophen – und wir sind vom Klimawandel am geringsten betroffen. Dann wird das Thema Obergrenze kein Thema mehr sein. Wir müssten also aus ganz eigennützigen Gründen längst etwas getan haben.
Müssen wir die Folgen erst am eigenen Leib spüren?
Die, die sie im Moment am stärksten spüren, können überhaupt nichts dagegen tun. Und diejenigen, die aktiv sein können in ihrer Rolle als Klimaverschmutzer, die merken momentan noch am wenigsten. Die Amerikaner merken eine ganze Menge, die haben Dürreperioden. Obwohl ihr Präsident, dessen Name nicht genannt werden muss, weil er in aller Munde ist – der blonde Lord –, der Meinung ist, das wäre alles nicht so. Was wir überhaupt nicht begreifen: Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln. Da kann man keine Deals machen, so wie der blonde Lord das gerne machen möchte. Mit der Natur macht man keine Deals.
Wachen Sie trotzdem jeden Morgen optimistisch auf?
Ja, klar. Es gibt eine ganze Reihe von wirklich beispielhaften Großprojekten. Auf der positiven Seite geschieht viel – aber auf der negativen Seite passiert leider Gottes viel mehr. Es wird nicht daran gedacht, dass durch erneuerbare Energien ein Land strategisch unabhängiger wird. Wovon lebt etwa Russland? Von dem Export von Rohstoffen. Jetzt stelle man sich vor, Europa würde weitestgehend mit erneuerbaren Energien versorgt. Und die Russen könnten uns ihr Gas nicht mehr verkaufen. Das wäre ein echtes Problem. Man stelle sich eine Science-Fiction-Welt vor, wo sich die Bundesrepublik Deutschland in den 50er Jahren entschlossen hätte: Die anderen bauen alle Kernkraftwerke, wir bauen Wind. Wir hätten das alles machen können. Und das macht mich wahnsinnig. Die Dinge liegen auf dem Tisch, man braucht dafür kein Physikstudium.
Und warum tun wir sie nicht?
Weil man dann sieht, was der wirkliche Elefant in der Küche ist. Nämlich ökonomische Gründe, die dazu führen, dass wir sagen: Wollen wir nicht, wir wollen weiter Geld verdienen. Ich würde gerne als nächstes ein Buch über die Widersprüche, mit denen wir zu kämpfen haben, schreiben.
Welche Widersprüche?
Nehmen wir mal ein ganz banales Beispiel: Die Flughäfen in Deutschland sind fast alle in den Händen vom Bund und den Ländern und Kommunen. Das heißt, die haben ein erhebliches Interesse daran, dass damit Geld verdient wird. Das heißt, auch Billigfluglinien werden zugelassen. Gleichzeitig unterschreibt die Kanzlerin ein Klimaabkommen. Das ist ja so verzahnt, dass wir eine ganze Zeit mit solchen Widersprüchen leben müssen. Wir wollen erklären, was positiv passiert und was negativ passiert und dass die alten Strukturen eben so lange gewachsen sind. Da müssen wir dran arbeiten.
Als Physiker fürs Volk können Sie diese komplexen Dinge einfach erklären. Gibt es etwas, das Sie sich selbst oder anderen nicht erklären können?
Ich habe sicher große Probleme damit, die genauen Details der Elektronik zu erklären, die um uns herum ist und unseren Alltag beeinflusst. Ob es nun das Smartphone ist oder Computer. Ich kann mir nicht erklären, wie es dazu kommen konnte, dass selbst die Spezialisten nicht mehr genau erklären können, wie diese Technologie funktioniert. Man kriegt gesagt: Das machen Maschinen. Maschinen bauen Maschinen, die wiederum Maschinen bauen. Das ist aber gefährlich. Das wird auch mein zukünftiges Tätigkeitsfeld sein: Digitalelektronik und die Einflüsse von Robotern in unserer Arbeitswelt, die Digitalisierung, die Automatisierung. Das ist etwas, wovon ich noch nicht genug verstehe und wovon ich in Zukunft mehr machen werde.

Mai 28th, 2017 by